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Anklagen statt Diskussionen
Der Kirchentag stellt sich dem Thema »Homeschooling« nur ungenügend
Der evangelische Kirchentag 2007 in Köln hat seine gesellschaftliche Verantwortung sehr betont. Der gemeinsame Kampf gegen Klima und Armut war Leitgedanke der vier Tage - es gab aber auch weniger prominente Themen. Am Freitag ging es bei einer Podiumsdiskussion um das Thema ”Religiös motivierte Schulverweigerung”. In der katholischen Kirche St. Gertrud diskutierten Kritiker und Befürworter der Heimschule vor rund 80 Besuchern darüber, ob Eltern das Recht haben, ihre Kinder daheim zu unterrichten.
Dass in Deutschland bei dieser Frage Welten aufeinander treffen, wurde schon in den Eingangsplädoyers deutlich. ”Wir stehen für den gemeinsamen Erziehungsauftrag, den Schule, Familie und Gesellschaft haben”, machte der hessische Ministerialrat Harald Achilles von Anfang an klar. ”In der Schule findet eine Umkehrung aller Werte statt”, hielt Helmut Stücher, Gründer des christlichen Heimschulwerks Philadelphia, dagegen. Stücher ist Vater von elf Kindern, von denen er die meisten bis zur neunten bzw. zehnten Klasse daheim unterrichtet hat. Armin Eckermann, Vorsitzender einer Heimschulinitiative, unterstützte die Position Stüchers, und sprach von der positiven Entwicklung vieler Heimschulkinder.
Die Bonner Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann berief sich auf ihre Erfahrung als Mutter, und sprach sich grundsätzlich gegen die Heimschule aus: ”Ich würde mir das als Mutter auch gar nicht zutrauen.” Harald Bewersdorff, der bei der Evangelischen Kirche für Schule und Bildung zuständig ist, plädierte für kirchliche Privatschulen - und erteilte dem Prinzip der Heimschule eine deutliche Absage.
Nun waren die Fronten klar. Zwei etwas unbedarfte Moderatoren, drei Homeschooling-Gegner und zwei Befürworter des Hausunterrichts diskutieren über das Homeschooling - nur wie? Zu groß waren die Gegensätze, zu vorgefertigt die Meinungen. Auch das Publikum - darunter viele jüngere Kirchentagsbesucher - unterstützte fast geschlossen die Kritiker der Heimschule mit Szenenapplaus.
Die Diskussion wird zur Farce
So stritt man über die Frage, ob Heimschulkinder überhaupt soziale Fähigkeiten erlernen. Dabei wurde Helmut Stücher einfach ignoriert, als er über die schulischen und sozialen Fähigkeiten seines Sohnes sprach, der nach der zehnten Klasse in die gymnasiale Oberstufe gewechselt war und schnell Klassensprecher und Notenbester wurde. Für die Kritiker war einfach klar, dass Kinder soziale Kompetenzen vor allem in der Schule lernen.
Stücher und Eckermann machten es den Kritikern allerdings auch leicht - mit Sätzen wie ”Wir werden uns vor dem goldenen Materialismus nicht niederwerfen!”, Erläuterungen aus der Offenbarung und weiteren etwas krausen Ansichten stellten sie sich in eine Ecke, aus der sie nicht mehr herausfanden. Stücher sprach sich gegen Humanismus, den Neomarxismus der 68er und das von der Schule vermittelte Menschenbild aus. Eckermann kritisierte die Sexualisierung der Gesellschaft, konnte dem Publikum aber nicht vermitteln, warum er deshalb für die Heimschule plädiert. Die Kritiker nutzten diese Schwäche aus und warfen den Heimschulbefürwortern Angst vor der Gesellschaft und einen engstirnigen Dogmatismus vor.
Man hätte sich mehr konstruktive Fragen und weniger destruktive Antworten gewünscht. Auf die ehrliche Frage von Harald Bewersdorff - ”Was passiert, wenn sich Christen als das Salz der Erde aus der Schule zurückziehen” - ging leider kein Diskutant ein. Da Bewersdorff aber sonst für private evangelische Schulen eintrat, blieb seine Position trotzdem fragwürdig.
Ein fader Beigeschmack bleibt
Sicher waren die Gäste unglücklich ausgewählt, sicher hätten auch Pädagogen oder etwas objektivere Persönlichkeiten zu Wort kommen sollen. Schließlich ist Homeschooling in allen europäischen Ländern bis auf Deutschland zumindest mit Einschränkungen erlaubt. Sowohl die Befürworter als auch die Gegner der Heimschule haben gute Argumente für ihre Position. Deshalb wäre eine ehrliche und faire Diskussion sehr zu wünschen gewesen.
Was bleibt, ist ein fader Beigeschmack. Warum schafft es ein ”lebendiger, kräftiger und scharfer” Kirchentag nicht, sich angemessen mit dem Thema auseinanderzusetzen? Warum lacht das Publikum, wenn konservativere Christen ihre Meinung sagen und gegen den Zeitgeist schwimmen?
Es ist wohl so: Beim Thema Homeschooling wird manch konservativer Christ plötzlich zum Rebell - und manch (links-)liberaler Globalisierungsgegner plötzlich ganz bieder. In St. Gertrud war das Kirchentagspublikum vor allem bieder.
Philip Geck Quelle: jesus.de
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